Zahlreiche zivile Opfer bei Einsätzen einer geheimen Kampfeinheit gegen den IS

German translation of the NYT article: »Civilian Deaths Mounted as Secret Unit Pounded ISIS« von Dave Philipps, Eric Schmitt and Mark Mazzetti, The New York Times, 12. 12. 2021 – by Christian Heck

Published @ AK gegen bewaffnete Drohnen

Eine einzige streng geheime amerikanische Kampfeinheit hat Zehntausende Raketen gegen den Islamischen Staat in Syrien eingesetzt, zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen umgangen und wiederholt Zivilisten getötet, wie mehrere aktuelle und ehemalige Militär- und Geheimdienstbeamte berichten. Die Einheit trug den Namen Talon Anvil und arbeitete zwischen 2014 und 2019 in drei Schichten rund um die Uhr, um Ziele für die US-Luftwaffe auszumachen: Konvois, Autobomben, Kommandozentralen und Truppen von feindlichen Kämpfern. Personen, die mit der Kampfeinheit zusammengearbeitet haben, sagen, dass die Einheit bei der Eliminierung von Feinden, Vorschriften zum Schutz von Nichtkombattanten umging. Ihre Partner beim Militär und der CIA wurden alarmiert, weil zahlreiche Menschen getötet wurden, die in den Konfikten keine Rolle spielten: Bauern, die versuchten zu ernten, Kinder auf der Straße, flüchtende Familien und Dorfbewohner, die in Gebäuden Schutz suchten. Talon Anvil war klein – manchmal waren es weniger als 20 Leute, die meist von anonymen, mit Screens vollgestopften Räumen aus operierten – aber sie spielte eine große Rolle bei den 112.000 Bomben und Raketen, die gegen den IS abgefeuert wurden.

Sie waren rücksichtslos effizient und machten einen guten Job“, sagte ein ehemaliger Offizier des Nachrichtendienstes der Luftwaffe, der von 2016 bis 2018 an Hunderten von geheimen Talon-Anvil-Einsätzen beteiligt war. „Sie haben aber auch eine Menge Fehler gemacht.“. Das Militär bezeichnete den Luftkrieg gegen den Islamischen Staat als den präzisesten und humansten in der Militärgeschichte und sagte, dass strenge Regeln und die Aufsicht durch hochrangige Führungskräfte die Zahl der zivilen Todesopfer trotz der rasanten Bombardierungen auf ein Minimum reduziert hätten. In Wirklichkeit, so vier derzeitige und ehemalige Militärs, die eng mit Talon Anvil zusammen arbeiteten, wurden die meisten Angriffe nicht von hochrangigen Führungskräften, sondern von relativ rangniedrigen Kommandeuren der Delta Force der US-Armee angeordnet.

Die New York Times berichtete im vergangenen Monat, dass bei einem Bombenangriff der Kampfeinheit im Jahr 2019 viele Frauen und Kinder getötet wurden und dass dies vor der Öffentlichkeit und der obersten Militärführung verschwiegen wurde. Im November ordnete Verteidigungsminister Lloyd J. Austin III eine hochrangige Untersuchung des Angriffs an, der von Talon Anvil durchgeführt wurde.

Beamte, die den Einsatz dieser Kampfeinheit aus erster Hand miterlebt hatten, sagen, dass der Angriff 2019 Teil eines Musters rücksichtsloser Angriffe war, das bereits Jahre zuvor begonnen hatte sich zu formieren. Als sie mit den Ergebnissen der Times konfrontiert wurden, bestritten mehrere hochrangige Offiziere der Kampfeinheit dies. Hauptmann Bill Urban, ein Sprecher des Zentralkommandos des Militärs, welches Operationen in Syrien überwacht, lehnte eine Stellungnahme ab.

Vier Militärs sagten aus, dass Partner von Talon Anvil Alarm schlugen, als die Zahl der Fehlschläge mit zivilen Opfern zunahm. Piloten über Syrien weigerten sich, Bomben abzuwerfen, weil Talon Anvil fragwürdige Ziele in dicht besiedelten Gebieten treffen wollte. Hochrangige CIA-Offiziere beschwerten sich bei den Leitern der Spezialeinheiten über das verstörende Muster der Angriffe. Teams der Luftwaffe, die nachrichtendienstliche Arbeit leisteten, stritten sich mit Talon Anvil über ein sicheres Telefon (Red line). Und selbst innerhalb von Talon Anvil gab es Widerstand, bei Angriffen auf Zivilisten und weiteren Personen, die nicht am Kampf beteiligt zu sein schienen.

Die vier Beamten arbeiteten in verschiedenen Bereichen, aber alle hatten bei Hunderten von Angriffen direkt mit Talon Anvil zu tun und waren zunehmend beunruhigt über dessen Arbeitsweise. Sie berichteten ihren unmittelbaren Vorgesetzten und dem Zentralkommando, was sie beobachteten, wurden aber nach eigener Aussage ignoriert. Der ehemalige Nachrichtenoffizier der Luftwaffe, der von 2016 bis 2018 fast täglich an Einsätzen beteiligt war, sagte, er habe die Haupteinsatzzentrale der Luftwaffe in der Region mehrmals über zivile Opfer informiert, unter anderem nach einem Angriff im März 2017, als Talon Anvil eine 500-Pfund-Bombe auf ein Gebäude abwarf, in dem etwa 50 Menschen Schutz suchten. Aber die Führung zögerte, eine Kampfeinheit zu überprüfen, die die Offensive auf dem Schlachtfeld beträchtlich vorantrieb. Laut Larry Lewis, einem ehemaligen Berater des Pentagons und des Außenministeriums, mit unter anderem auch Autor eines Berichts des Verteidigungsministeriums von 2018 über zivile Schäden, stieg die Zahl der zivilen Opfer in Syrien in den Jahren, in denen Talon Anvil operierte, deutlich an. Lewis, der die als geheim eingestuften Daten des Pentagons zu zivilen Opfern in Syrien eingesehen hat, sagte, die Rate sei zehnmal höher als bei ähnlichen Operationen, die er in Afghanistan verfolgt hat. „Sie war viel höher, als ich es von einer US-Einheit erwartet hätte“, sagte Lewis. „Die Tatsache, dass sie über Jahre hinweg dramatisch und stetig anstieg, schockierte mich“.

Lewis sagte, dass die Befehlshaber die Taktik dadurch begünstigten, dass sie nicht ausdrücklich auf die Notwendigkeit hinwiesen, die Zahl der zivilen Opfer zu verringern, und dass General Stephen J. Townsend, der die Offensive gegen den IS in den Jahren 2016 und 2017 befehligte, weit verbreitete Berichte von Nachrichtenmedien und Menschenrechtsorganisationen, in denen die steigende Zahl von Opfern in der Zivilbevölkerung beschrieben wurde, einfach ignorierte.

In einem Telefoninterview sagte General Townsend, der inzwischen das Afrikakommando des Militärs leitet, dass externe Organisationen, die Meldungen über Schäden an der Zivilbevölkerung verfolgten, die Behauptungen oft nicht gründlich genug überprüften. Er wies jedoch entschieden zurück, dass er zivile Opfer nicht ernst nehme. „Es gibt nichts, was weiter von der Wahrheit entfernt wäre“, sagte General Townsend, der hinzufügte, dass er als Befehlshaber anordnete, monatliche Berichte über zivile Opfer im Irak und in Syrien zu veröffentlichen. Er schob die Schuld an zivilen Opfern auf „die Widrigkeiten des Krieges“ und nicht darauf, dass „man sich nicht darum schere“.

Da nur wenige Amerikaner vor Ort waren, war es laut General Joseph L. Votel, dem damaligen Leiter des militärischen Zentralkommandos und Vorgesetzten von General Townsend, schwierig, verlässliche Zahlen über zivile Todesopfer zu erhalten. „Unsere Möglichkeiten, uns nach einem Angriff ein Bild zu machen, waren außerordentlich begrenzt – es war ein mangelhaftes System“, sagte General Votel in einem Telefoninterview. „Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Sache immer ernst genommen und versucht haben, unser Bestes zu geben.“.

Der gemeinsame Wissensabgleich

Offiziell hat Talon Anvil nie existiert. Nahezu alles, was die Einheit tat, war streng geheim. Ihre Aktionen in Syrien wurden aus schriftlichen Aufarbeitungen von streng geheimen Berichten und Transkriptionen von Interviews mit Militärangehörigen, die in Verbindung mit der Einheit standen, zusammengetragen.

Talon Anvil wurde von einer geheimen Spezialeinheit namens Task Force 9 geleitet, die die Bodenoffensive in Syrien überwachte. Die Spezialeinheit hatte mehrere Missionen. Die Einheit Green Berets bildete verbündete kurdische und arabische Streitkräfte in Syrien aus. Kleinere Einheiten der Delta Force, die in die Bodentruppen eingeteilt waren, und ein Angriffsteam von Delta-Kommandos standen auf Abruf bereit, um Bodenangriffe auf hochrangige Ziele, u.a. auch z.B. den IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi, durchzuführen. Der Großteil der Einsätze ging jedoch auf die Kappe von Talon Anvil. Sie arbeiteten in unauffälligen Büroräumen, zunächst in Erbil (Irak), und dann, als der Krieg stärker voranschritt, in Syrien, in einer nördlich gelegenen stillgelegten Zementfabrik und in einem Wohnkomplex, nahe eines irakischen Grenzabschnitts, sagten ehemalige Task Force-Mitglieder.

Die Einheit nutzte Hinweise von verbündeten Bodentruppen (Human Intelligence), Daten aus geheimen Überwachungssystemen, Drohnenkameras und weitere SIGINT’s (Signal Intelligence), um feindliche Ziele ausfindig zu machen, sie zu indentifizieren um sie dann direkt mit Kampfdrohnen zu attakieren oder Luftangriffe von anderen Koalitionen anzufordern. Talon Anvil koordinierte auch die Luftunterstützung für die verbündeten kurdischen und arabischen Streitkräfte, die am Boden kämpften. Äußerlich zeigten die Soldat*innen nur wenige Anzeichen dafür, dass sie dem Militär angehörten, laut einem ehemaligen Mitglied der Task Force 9. Sie nannten sich mit Vornamen, trugen keine Dienstgrade oder Uniformen, und gingen in kurzen Hosen und Crocs oder Birkenstock-Schuhen zur Arbeit, in ihre jeweiligen Einsatzräume. Von dort aus steuerten sie dann Flotten von Predator- und Reaper-Drohnen, die mit präzisen Hellfire-Raketen und lasergesteuerten Bomben ausgestattet waren.

Die Task Force verfügte über eine zweite Kampfeinheit, die mit der CIA zusammenarbeitete, um hochrangige IS-Anführer zu jagen. Sie setzte ähnliche Instrumente zur Überwachung und Identifizierung ein, verfolgte ihre Ziele aber oft tage- oder wochenlang und war nur für einen Bruchteil der Angriffe verantwortlich. Beide Kampfeinheiten wurden 2014 gegründet, als der IS große Teile des Irak und Syriens einnahm. Innerhalb weniger Jahre griff das selbst ernannte Kalifat Verbündete im Nahen Osten an und verübte Terroranschläge in Europa. Die US suchten verzweifelt nach einer Truppe, die feindliche Ziele identifizieren konnte, und beauftragten die Delta Force mit der Aufklärung.

Die von den Amerikanern geführte Offensive Operation Inherent Resolve, hatte Schwierigkeiten, mit der „Geschwindigkeit“ dieser Kriegsführung zu arbeiten, da nur hochrangige Generäle außerhalb der Delta Force Angriffe befehligen konnten, so ein Bericht der RAND Corporation. Vierundsiebzig Prozent der Luft-Einsätze kehrten zurück, ohne Waffen abgeworfen zu haben. Somit begann die Offensive zu stocken.

Die Taktik änderte sich Ende 2016, als General Townsend das Kommando übernahm und die Befugnis zur Genehmigung von Angriffen auf die Ebene der Befehlshaber vor Ort verlagerte. Innerhalb der Task Force 9 wurde diese Befugnis sogar noch weiter nach unten verlagert, so ein hochrangiger Beamter, und zwar auf den ranghöchsten Delta-Operator, der im Einsatzraum Dienst hat – in der Regel ein Sergeant First Class oder Master Sergeant (vergleichbar mit Staats- bzw. Hauptfeldwebel). Doch auch nach den neuen Regeln, musste die Einheit vor einem Angriff zahlreiche Prozesse der Nachrichtengewinnung und Risikominimierung durchlaufen, um den Schaden für die Zivilbevölkerung so gering wie nur möglich zu halten. Die Folge waren stundenlanges Kreisen mit Aufklärungs-Drohnen über Ziele hinweg, um sicherzustellen, dass sich keine Zivilisten in dem Gebiet aufhielten. Die Soldat*innen des Delta-Kommandos standen unter enormem Druck, da sie einerseits die verbündeten Bodentruppen zu schützen versuchten und andererseits aber die Offensive vorantreiben mussten, somit fühlten sie sich oft durch die Schutzmaßnahmen behindert. Sie entwickelten Anfang 2017 eine neue Strategie um schneller zuschlagen zu können: Selbstverteidigung.

Die meisten Beschränkungen für die Operation Inherent Resolve galten für offensive Angriffe. Für Defensivschläge zum Schutz verbündeter Streitkräfte, die unmittelbar bedroht waren, gab es weit weniger Vorgaben. Somit begann Talon Anvil zu argumentieren, dass es sich bei fast jedem Angriff um Selbstverteidigung handelte. Laut zweier ehemaliger Mitglieder der Task Force 9, ermöglichte dies der Einheit schnell und meist ohne Nachprüfung zu handeln, selbst wenn ihre Ziele meilenweit von Kämpfen entfernt waren.

In den als geheim eingestuften Einsatzregeln wurde ausdrücklich davor gewarnt, Selbstverteidigungsschläge zur Umgehung bestehender Reglementierungen zu verüben. Für Talon Anvil gab es in Folge eine zweifelhafte Logik für die Anwendung dieser Taktik, sagte ein ehemaliges Task Force-Mitglied: Wenn die Verteidigungsregeln es erlaubten, ein feindliches Ziel an der Front anzugreifen, warum dann nicht auch ein Ziel, das 10 oder sogar 100 Meilen entfernt war und eines Tages an der Front sein könnte? Schon bald rechtfertigte Talon Anvil fast jeden Angriff als defensiv. „Es ist zweckmäßiger, auf Selbstverteidigung zurückzugreifen“, sagte der ehemalige Pentagon-Berater Larry Lewis. „Es ist einfacher, eine Bewilligung zu bekommen“.

Die vier ehemaligen Militärangehörigen, die mit Talon Anvil zusammengearbeitet haben, sagten, dass sich die Einheit viel zu oft auf unsichere Informationen der kurdischen und arabischen Bodentruppen verließ oder überstürzt angriff, ohne darauf zu achten, wer in der Nähe sein könnte. Das ehemalige Task Force Mitglied vermerkte, dass die Kommandeure der Delta-Force befangen waren. Sie entschieden häufig, dass es sich um ein feindliches Ziel handelte, obwohl es kaum Beweise dafür gab. Ein Teil des Problems bestand darin, dass die Kommandeure alle vier Monate ausgetauscht wurden und als Elitesoldaten ausgebildet waren, aber wenig Erfahrung in der Führung einer Kampfeinheit hatten. Außerdem schien die tägliche Überwachung und Aufarbeitung von Kampfeinsätzen, ihre perspektivische Betrachtung zu erschweren und eine psychologische Distanz gegenüber möglicher Opfer zu fördern. Der ehemalige Offizier des Nachrichtendienstes der Luftwaffe sagte, er habe so viele zivile Todesopfer infolge der Selbstverteidigungs-Taktik von Talon Anvil gesehen, dass er schließlich abgestumpft war und sie als Teil seiner Arbeit hinnahm. Dennoch stachen einige Angriffe besonders hervor.

Bei einem dieser Angriffe verfolgte Talon Anvil im Herbst 2016 drei Männer mit Segeltuchtaschen, die in einem Olivenhain in der Nähe der Stadt Manbij arbeiteten. Die Männer waren unbewaffnet und befanden sich nicht in der Nähe von Kämpfen, aber die Kampfeinheit bestand darauf, dass es sich um feindliche Kämpfer handeln müsse und tötete sie mit einer Rakete.

In einem anderen Fall, als Zivilisten im Juni 2017 versuchten, vor den Kämpfen in der Stadt Raqqa zu fliehen, bestiegen zahlreiche Menschen provisorische Fähren, um den Fluss Euphrat zu überqueren. Er sagte, das Einsatzkommando habe behauptet, an Bord befänden sich feindliche Kämpfer. Auf einem hochauflösenden Video beobachtete er schließlich, wie der Angriff mehrere Boote traf und mindestens 30 Zivilisten tötete, deren Leichen im Wasser trieben.

Ein ranghoher Militär mit direkter Kenntnis der Task Force sagte, dass die Definition einer „unmittelbaren Bedrohung“ äußerst subjektiv sei und dass die ranghohen Delta-Kommandeure von Talon Anvil mit viel zu weitreichenden Befugnissen zur Durchführung von Defensivschlägen ausgestattet waren. Er räumte zwar ein, dass diejenigen, denen ein Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte, versetzt wurden, aber auch, dass dies in den seltensten Fällen geschah.

Kämpfer oder Kinder?

Als die Luftangriffe 2017 eskalierten, wurde ein breites Spektrum von US-Partnern, die mit Talon Anvil zusammenarbeiteten, durch deren Taktik beunruhigt.

Die CIA hatte Beamte in die Task Force 9 integriert, um Informationen über IS-Anführer zu liefern und die Angriffe zu koordinieren. Die Behörde fokussierte auf hochrangige Verdächtige und verfolgte diese oft tagelang mit mehreren Drohnen, um dann zuzuschlagen, wenn der Tod von Zivilisten möglichst gering gehalten werden konnte. Zwei ehemalige CIA-Beamte sagten, die Task Force habe nie gerne gewartet. Die Mitarbeiter*innen der CIA waren schockiert, als sie wiederholt sahen, wie ohne Rücksicht auf Zivilisten zugeschlagen wurde. Die Offiziere meldeten ihre Bedenken dem Generalinspekteur des Verteidigungsministeriums, und die Führung der Agentur besprach das Problem mit den Spitzenoffizieren des Joint Special Operations Command (JSOC).Ein weiterer ehemaliger CIA-Beamter sagte, er habe jedoch Beweise dafür gesehen, dass diese Bedenken ernst genommen wurden. Ein Sprecher der CIA lehnte hierzu eine Stellungnahme ab.

Talon Anvil geriet zeitweise auch mit Einheiten des Nachrichtendienstes der Luftwaffe aneinander, die bei der Analyse der kontinuierlich ankommenden Flut von Drohnenbildern halfen. Die Delta-Kommandeure drängten die Analysten dazu, zu behaupten, sie hätten Beweise wie Waffen gesehen, die einen Angriff rechtfertigen könnten, auch wenn es keine gab, so der ehemalige Nachrichtenoffizier der Luftwaffe. Wenn ein Analyst nicht das sah, was Delta wollte, verlangten sie einen anderen Analysten. Die Delta Force und Analysten stritten sich auch manchmal verbal darüber, ob es sich bei den Zielpersonen im Visier einer Drohne um Kämpfer oder Kinder handelte, sagte eines der ehemaligen Task Force-Mitglieder.

Das gesamte Filmmaterial der Angriffe wird vom Militär gespeichert. In einem offensichtlichen Versuch, Kritik abzuschwächen und potenzielle Ermittlungen zu unterlaufen, begann Talon Anvil damit, die Drohnenkameras kurz vor einem Angriff von den Zielen weg zu lenken, um die Sammlung von Videobeweisen zu verhindern, so der ehemalige Nachrichtenoffizier der Luftwaffe und eines der ehemaligen Mitglieder der Task Force 9.

Ein anderer Offizier der Luftwaffe, der Dutzende von Angriffen der Task Force überprüfte, bei denen Berichten zufolge auch Zivilisten getötet wurden, sagte, dass die Drohnenbesatzungen (drone- und sensor operators) darauf trainiert wurden, die Kameras auf die Ziele zu richten, damit das Militär den Schaden abschätzen konnte. Er sah jedoch häufig, dass die Kameras in entscheidenden Momenten weggerissen wurden, als ob sie von einer Windböe getroffen worden wären. Erst als dieses Muster immer wieder auftauchte, begann er zu vermuten, dass dies absichtlich geschah.

Eine Jagd ohne Ziel

An einem Morgen Anfang März 2017 schickte Talon Anvil eine Predator-Drohne über die syrische Bauernstadt Karama, um feindliche Stellungen in der Gegend lahmzulegen. Für den ehemaligen Offizier des Nachrichtendienstes der Luftwaffe ist diese Mission ein Beispiel für die fehlerhafte Arbeitsweise von Talon Anvil und dafür, wie die militärische Führung wegzuschauen schien.

Gegen 4 Uhr morgens sei die Drohne über den Flachdachhäusern der Stadt gekreist, sagte er. Sein Team des Nachrichtendienstes der Luftwaffe beobachtete das Geschehen von einer sicheren Operationszentrale in den USA aus. Ein Talon Anvil-Operator tippte eine Nachricht in den Chatraum, den die Kampfeinheit mit den Analysten teilte: Alle Zivilisten sind aus dem Gebiet geflohen. Jeder, der übrig bleibt, ist ein feindlicher Kämpfer. Wir müssen heute viele Ziele finden, denn wir wollen nach Winchester.

Winchester anzugreifen bedeutet, alle Raketen und 500-Pfund-Bomben der Drohne einzusetzen. Als die Drohne kreiste, schien die Stadt zu schlafen, sagte der ehemalige Offizier. Selbst mit den Infrarotsensoren konnte das Team keine Bewegung feststellen. Talon Anvil konzentrierte sich auf ein Gebäude und tippte in den Chat, dass ein Hinweis der Bodentruppen (HUMANINT – Signal intelligence) darauf hindeutete, dass es sich hierbei um ein feindliches Ausbildungszentrum handelte. Die SIGINT’s (Signal intelligence) deuteten darauf hin, dass sich ein feindliches Mobiltelefon oder Funkgerät in der Nähe befinden könnte, aber es war nicht möglich, es auf einen einzelnen Block, geschweige denn ein einzelnes Gebäude zu lokalisieren.

Talon Anvil wartete nicht auf eine Bestätigung, sondern befahl einen Selbstverteidigungsschlag, so der ehemalige Offizier. Die Predator-Drohne warf eine 500-Pfund-Bombe auf das Gebäude. Als sich der Rauch lichtete, so der ehemalige Offizier, starrte sein Team entsetzt auf die Bildschirme. Die Infrarotkameras zeigten Frauen und Kinder, die aus dem teilweise eingestürzten Gebäude taumelten, einigen fehlten Gliedmaßen, einige schleppten Tote mit sich.

Die Geheimdienstanalysten begannen, Screenshots zu machen und die Opfer zu zählen. Sie schickten eine erste Einschätzung an Talon Anvil: 23 Tote oder Schwerverwundete, 30 Leichtverwundete, sehr wahrscheinlich Zivilisten. Talon Anvil bestätigte den Erhalt der Nachricht, sagte der ehemalige Offizier, und flog dann weiter zum nächsten Ziel. Daraufhin habe er die zivilen Opfer sofort der Einsatzzentrale der Operation Inherent Resolve gemeldet und dann den Verbindungsoffizier der Zentrale angerufen. Er sagte, er habe nie eine Antwort erhalten und keine Anzeichen dafür gesehen, dass jemals etwas unternommen wurde. Die Operation Inherent Resolve hat sich verpflichtet, jeden Fall von zivilen Opfern zu untersuchen und öffentlich zu melden, aber nichts in ihren Berichten bezieht sich auf diesen Vorfall. Die tatsächliche Zahl der Opfer des Angriffs in Karama bleibt ungewiss.

Anfang März hat die Operation Inherent Resolve nach eigenen Angaben innerhalb von 5 Tagen, 47 Angriffe in der Region durchgeführt. Satellitenbilder aus dieser Zeit zeigen umfangreiche Schäden an mindestens einem Dutzend Gebäuden, darunter auch das Gebäude, das laut des ehemaligen Offiziers bombadiert wurde. Lokale Medien berichteten, dass bei Luftangriffen in Karama am 8. und 9. März zwischen 7 und 14 Menschen getötet und 18 wurden verwundet.

Zwei Jahre lang nach den Angriffen erklärten Sprecher der Operation Inherent Resolve, sie können keine zivilen Opfer in der Stadt bestätigen. Im Jahr 2019, räumte sie dann ein, dass ein Mann verwundet worden war, als eine feindliche Stellung getroffen wurde. Sie gab Koordinaten an, die einen Häuserblock von dem Gebäude entfernt lagen, das nach Angaben des ehemaligen Nachrichtenoffiziers zerstört wurde.

Auf Nachfrage der New York Times in diesem Monat, bestätigte ein Beamter der Special Operations, dass die Kampfeinheit am 8. März Ziele in der Stadt getroffen und 16 Kämpfer getötet habe, bestritt aber, dass Zivilisten ums Leben gekommen seien. Keine externe Instanz hat den Angriff jemals untersucht, und es ist unklar, welche Schritte das Militär unternommen hat, um festzustellen, was passiert ist. Der ehemalige Offizier des Nachrichtendienstes sagte, dass kein militärischer Ermittler ihn jemals kontaktiert habe.

Die Beweise für den Angriff – Chatroom-Aufzeichnungen, Bombenkoordinaten und Videoaufnahmen – seien auf Regierungsservern gespeichert, sagte er. Aber wegen der Geheimhaltung der Talon Anvil ist eben alles geheim.